Experten-Gutachten zu SüdOstLink: Kosten größer als Nutzen

Landrätin Tanja Schweiger und Moderator Harald Hillebrand mit einem Teil der zugeschalteten Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Foto: Birgitt Retzer
Landrätin Tanja Schweiger und Moderator Harald Hillebrand mit einem Teil der zugeschalteten Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Foto: Birgitt Retzer

30.04.2021 Ist der geplante SüdOstLink erforderlich oder gar alternativlos? Dieser Frage ging Prof. Dr. Lorenz Jarass (ATW GmbH) in einem Gutachten nach, an dem sich unter anderem auch vom SüdOstLink betroffene Gemeinden des Landkreises Regensburg finanziell beteiligt haben. Im Rahmen einer hybriden Pressekonferenz, zu der Landrätin Tanja Schweiger eingeladen hatte, stellte Prof. Jarass nun sein Ergebnis vor. Tenor: Es gibt wirksame und kostengünstigere Alternativen. Rainer Kleedörfer (N-ergie AG, Bereich Kommunen) zeigte solche Alternativen einer dezentralen Strom- und Energieversorgung auf.

Im Herbst letzten Jahres hatten einige Gemeinden und Landkreise Prof. Jarass den Auftrag zur Erstellung eines Gutachtens zum SüdOstLink erteilt. Folgerichtig wurden die Ergebnisse nun allen Beteiligten und der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Vorfeld wurde in enger Abstimmung mit dem Arbeitskreis SüdOstLink, der auf Anregung eines interfraktionellen Antrags im Kreistag ins Leben gerufen wurde, zudem Wert darauf gelegt, nicht nur das Gutachten selbst, sondern auch konkrete Beispiele zur Umsetzung einer regionalen Energiewende mit Beispielen aus dem Landkreis Regensburg vorzustellen und die Belange der betroffenen Gemeinden zu fokussieren, da sich dort großer Unmut breit macht.

Zu Beginn der Hybridveranstaltung im Landratsamt ging Landrätin Tanja Schweiger auf die Umsetzung der bisherigen Vorarbeiten durch von Tennet beauftragte Firmen ein und schilderte die Betroffenheit des Landkreises: „Ich finde es bemerkenswert, dass bei uns elf Hektar Wald abgeholzt werden sollen, bei jedem anderen Vorhaben wäre das ein Riesenthema.“ Auch eine große Zahl bedrohter Bodendenkmäler würden nicht berücksichtigt. „Die alleine im Landkreis betroffene Gesamtfläche der Bodendenkmäler und Verdachtsflächen wird nach Angabe vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege auf circa 132 Hektar geschätzt. Ich erwarte, dass Tennet für die Baumaßnahme die gleichen Auflagen bekommt wie jeder andere Bauherr auch“, so die Landrätin. 

Dabei ist laut Gutachten des Wirtschaftswissenschaftlers Lorenz Jarass der SüdOstLink gar nicht für die Stromversorgung in Bayern notwendig. Der SüdOstLink sei überdimensioniert und werde ohne Kosten-Nutzen-Analyse vorangetrieben. Die Kosten des Leitungsbaus werden nicht berücksichtigt werden. Dem Gutachten zufolge müssten zusätzliche Reservekraftwerke in Bayern oder Wasserstoffanlagen zur Verfügung gestellt werden um für Versorgungssicherheit und Netzstabilität zu sorgen. Bei bundesweiten Dunkelflauten seien dagegen Leitungen, die keine Speicherfunktion hätten nutzlos. Selbst wenn die Stromverbraucher die vollen Investitionskosten für die Wasserstoffproduktion übernähmen, würden sie um mindestens drei Milliarden Euro gegenüber einem Leitungsbau entlastet. Rechtsanwalt Wolfgang Baumann bemängelte das Vorhaben zudem als europarechtswidrig. 

Kleedörfer: Energiewende weitgehend dezentral 

Rainer Kleedörfer von N-ergie erläuterte in seinem Fachbeitrag, dass das übergeordnete Ziel Klimaschutz lauten müsse. In etwa zwei Millionen Photovoltaikanlagen, über eine Million Wärmepumpen und zehntausende von Ladepunkten für Elektromobilität hätten Bürger und Unternehmen bereits bei sich vor Ort investiert. Die Akteure vor Ort würden über den Erfolg der Energiewende und wirksamen Klimaschutz entscheiden. Energiewende sieht Kleedörfer als weitgehend dezentral.

Landrätin Tanja Schweiger zählte anschließend Beispiele auf, die den Landkreis im Bereich Erneuerbarer Energien in eine Vorreiterrolle gebracht haben. Bereits jetzt liege der Anteil an erneuerbarer Stromerzeugung bei knapp neunzig Prozent. Der EnergieMonitor auf der Homepage des Landkreises zeige beispielsweise stets aktuell den Bedarf und die Versorgung des Landkreises Regensburg mit Strom aus EE-Anlagen auf. Bei seinen eigenen Liegenschaften hat der Landkreis bereits 1.792 kWp Anlageleistung installiert und errichtet auf dem neuen Kreisbauhof weitere 99 kWp. Die Liegenschaften verbrauchen immer weniger Energie und steigern den EE-Anteil. Gemeinden werden über den Energienutzungsplan 2021 eingebunden, um mit weiteren Maßnahmen die Treibhausgasemissionen zu verringern.

Angebohrte Leitung, zerrüttetes Vertrauen

Über ihre aktuellen Erfahrungen berichteten vom SüdOstLink betroffene Gemeinden im Landkreis. So schilderte der Riekofener Bürgermeister Johann Schiller, wie der Mitarbeiter einer von Tennet beauftragten Firma eine Fernwasserleitung anbohrte und aufgrund Durchnässung des Bodens zwei Tage lang die Gefahr bestand, dass das Bohrgerät auf die Hochleitung der Bahntrasse stürzt, bis das Maschine geborgen war. Der Schaden sei noch nicht beglichen, weshalb nun auch an eine Klage gedacht werde.

Für Wiesents Bürgermeisterin Elisabeth Kerscher und Wörths Bürgermeister Josef Schütz stellt die Zerschneidung von Wasserschutzgebieten ein großes Problem dar. Brennbergs Bürgermeisterin Irmgard Sauerer wiederum sieht die größte Betroffenheit ihrer Kommune in der gemeindlichen Wasserversorgung und der Zerstörung von hochwertigen Lebensräumen. „Unser Vertrauen – soweit man von Vertrauen sprechen kann – in den Vorhabensträger und die Bundesnetzagentur ist zerrüttet“, so die Bürgermeisterin. Kritisiert wurde neben der unstrukturierten Durchführung der Voruntersuchungen auch die Tatsache, dass Tennet und Bundesnetzagentur nicht für Vor-Ort-Termine zur Verfügung stehen.

Auch Wunsiedels Landrat Peter Berek will weiterhin alles tun, um die „Harakiri-Planung“ zu verhindern. Ähnlich wie der Landkreis Regensburg biete der Landkreis Wunsiedel aber auch Alternativen wie zum Beispiel mit dem „Wunsiedeler Weg“. Pfreimds Geschäftsstellenleiter Bernhard Baumer betonte, dass seine Gemeinde nur mit juristischem Druck eine Beeinträchtigung der historischen Wasserversorgung verhindern konnte und auch Niederaichbachs Bürgermeister Josef Klaus berichtete von einer problematischen Anbindung der Leitungen in einer Konverteranlage, für die 14 Hektar Flächen benötigt würden.

Am Ende der Pressekonferenz wies Landrätin Tanja Schweiger darauf hin, dass Tennet selbst Anfang Mai für eine Online-Informationsveranstaltung für Kreisräte und Bürgermeister zur Verfügung stünde.

Weitere Informationen zum SüdOstLink finden Sie hier.

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